Jazz is zurück – und nicht nur in England und den USA sind die Konzerte der neuen Künstler voll mit jungem Publikum. Doch während Bands und Künstler wie Ezra Collective, BadBadNotGood oder Kamasi Washington breite Aufmerksamkeit erhalten, hat kaum jemand bemerkt, dass auch in Deutschland eine junge Generation von Musikern an neuen Formen des Jazz bastelt.
Eine frische, unverkopfte Szene junger Bands hat das musikalische Erbe unseres Landes verinnerlicht und vermischt nun ihren Jazz mit Krautrock, zeitgenössischer klassischer Musik oder Electronica-Elementen. Gomma-Label-Gründer Mathias Modica nimmt sich diesem neuen deutschen Jazz-Phänomen an. Mit dem Label Kryptox hat er eine Art deutsche Version von Brainfeeder gegründet und veröffentlicht am 4. November die erste Compilation zum Thema.
„Kraut Jazz Futurism“ ist eine Zusammenstellung der 17 interessantesten neuen deutschen Künstler. Im Vordergrund steht der Vibe von jungen Musikern, die mit der elektronischen Dancekultur aufgewachsen sind, klassisches Instrumentarium beherrschen und eine breite musikalische Prägung genießen. Die erste Single „Orange Man“, ein Ethno-Kraut-Jazz-Funk-Potpourri von Karl Hector & The Malcouns, erscheint diesen Freitag.
Eine enge Kooperation mit den beiden führenden deutschen Crossover-Jazzfestivals, dem Berliner XJazz und dem Hamburger ÜBERJAZZ, bringt das Phänomen auch auf die Bühne. Los geht es am 1. und 2. November 2019 auf dem nächsten ÜBERJAZZ im Hamburger Kampnagel, wo „Kraut Jazz Futurism“ zur VÖ offiziell gelauncht wird und Künstler der Compilation live präsentiert werden. „Kraut Jazz Futurism“-Happenings auf Festivals in England, Frankreich, Schweden und den USA sind bereits in Arbeit.
Die Künstler
JJ Whitefield / Karl Hector & The Malcouns
Der Münchner Gitarrist und Bandleader hat schon länger eine weltweite Fanbase für seine Experimente zwischen Afrobeat und Krautrock. Seine vorherigen Projekte Poets of Rhythm, Whitefield Brothers, Rodinia sind auf Ninjatune, Stones Throw, Now Again veröffentlicht worden. Er war musikalischer Leiter der Ebo Taylor Band und hat mit US-Größen wie DJ Shadow und den Daptones gearbeitet. Auf Jazz Kraut Futurism ist er mit seiner Afrokraut Band Karl Hector und seinem neuen Punk-Jazz Soloprojekt JJ Whitefield vertreten.
Sissi Rada
…ist eine in Berlin lebende Harfenistin, die am Conservatorium van Amsterdam und der UdK Berlin studiert hat und jetzt Avantgarde Projekte zwischen E Musik, Jazz, Underground Theater und Electronica macht. Sie spielt im Ensemble von David August, aber auch bei Teodor Currentzis‘ musicAeterna. Rada wird 2020 ein Album auf Kryptox veröffentlichen. (Co-produziert von Mouse on Mars. Mit Jazzmusikern aus der Berliner Szene.)
Torben Unit Band
…ist die Band um den Berliner Produzenten, DJ und Bassisten Max Graef. Einer der wenigen deutschen Künstler, die auf Ninja Tune veröffentlichen. Graef wird weltweit für einen neuen deutschen Sound gefeiert, der Hip Hop, Funk und Psychadelic neu kombiniert und wurde die letzten Jahre auf viele relevanten internationalen Festivals eingeladen. (Die Band hat sich gerade in 2Morph umbenannt.)
Karaba
…ist eine junge Münchner Band, die den Sound von legendären Münchner Ethno- Krautrock Bands wie Popol Vuh, Embryo und Amon Düül verinnerlicht hat und mit Einflüssen von Spiritual Jazz, Afro, Trance und Psychadelic vermischt. Vibraphon spielt Marja Burchard – Tochter des Embryo-Gründers Christian Burchard.
Die Band hat zwei Vinylalben im Selbstvetrieb veröffentlicht und schon einen gewissen „Kultstatus“.
Keope
…sind Toni Bruna und Marcus Rossknecht, die bisher mit zwei Veröffentlichungen auf Bigamo Records in Erscheinung getreten sind, dem neuen Experimental Label von Frank Wiedemann (AME/ Innervisions). Keope produzieren ihre von Kraut, Elektronik und psychedelischem Jazz inspirierte Musik mit einem portablen Studio in der freien Natur – an ungewöhnlichem Orten wie z.B. einem verlassenen Kloster in Slowenien.
Niklas Wand
Percussionist, Komponist, Produzent aus Berlin, der erst mit Jazz und Psychadelic-Bands wie Stabil Elite und Oracles in Erscheinung getreten ist. Seit er mit der Düsseldorfer Salon des Amateurs-Crew kooperiert, hat er sich der Elektronik geöffnet und verbindet percussive Elektronik mit Jazz und afrikanisch inspirierter Musik. Dabei spielt er teilweise auf selbstgebaute Instrumenten ein. Seine beiden letzten Projekte fanden weltweit große Beachtung: „Wolf Müller & Niklas Wand: Instrumentalmusik aus der Mitte der Welt“ (mit Jan Schulte/ Bufiman) und seine Band Neuzeitliche Bodenbeläge.
Toresch
…kommen auch aus dem Salon des Amateurs-Umfeld in Düsseldorf und haben auf Vladimir Ivkovic’s Label Offen Music veröffentlicht. Teil der Band ist Detlef Weinrich, der auch zu Kreidler gehört und unter dem Namen Toulouse Low Trax produziert. Live vermischen Toresch experimentelle Musik mit Visuals.
C.A.R.
Vier junge Musiker, die in Köln Jazz studiert haben, sich dann aber mit der Musik von Can, Cluster, Aphex Twin und Squarpusher beschäftigten und einen eigenen, sehr hypnotischen Sound kreiert haben. Die Band hat Indien, China und Pakistan bereist und mit lokalen Bands gespielt und deren Sound „studiert“ – was ihre eigene Musik sehr geprägt hat. Auch diese Band hat schon eine große Fangemeinde.
Andromeda Mega Express Orchestra (AMEO)
Die experimentelle Berliner Big Band um den Saxophonisten Daniel Glatzelt besteht aus 18 Musikern, die teilweise bei bekannten anderen Projekten spielen: Tony Allen’s Afrobeat, Kenny Wheeler Band, Ensemble Intercontemporain und The Notwist.
AMEO selber haben u.a. Projekte mit dem Brasilianer Hermeto Pascoal oder dem Latvian Chamber Orchestra Riga gemacht. Sie haben auf dem Album The devil, you & me von The Notwist große Instrumentalparts eingespielt und werden im Herbst 2019 im Berliner Club Berghain eine audio-visuelle Performance machen.
Shake Stew
Die Band um den Wiener Saxophonisten Lukas Kratzelbinder wurde für ihr Debut Album The Golden Fang (2016) international gelobt („..a psycho-energetic masterpiece“) und daraufhin auf Festivals wie dem Montreux Jazz Festival und dem North Sea Jazz Festival eingeladen. Der Londoner Jazz Star Shabaka Hutchings ist Fan der Band und war auf dem zweiten Album (Rise and Rise again) als Gast dabei.
Stimming x Lambert
Der Hamburger Martin Stimming ist einer der bekanntesten deutschen Electronica Musiker. Seine Produktionen auf Solomun’s Dynamic Label und seine Live Performances werden international gefeiert. 2018 beschloss er, musikalisch neue Wege zu gehen und tat sich mit dem Berliner Pianisten Per Lambert zusammen. Auf ihrem Debutalbum Exodus (Kryptox 2018) erschaffen sie eine eigene neue Soundwelt, bei der Stimming die impressionistisch-jazzigen Klaviermotive Lamberts durch Verzerrungen, Halleffekte, spaciges Soundesign und Noiseelemente manipuliert, dekonstruiert und neu komponiert.
Ralph Heidel
Der 24jährige Heidel hat an der Musikhochschule München Saxophon und Komposition studiert und ist seit seinem Umzug nach Berlin in der dortigen Elektronik und Crossover Jazz-Szene aktiv. U.a. spielt er im Ensemble von Carlos Cipa. Heidel’s Debutalbum erschien 2019 auf Kryptox. Hochemotionale Musik – geschrieben für ein achtköpfiges Ensemble. Kammermusik trifft Jazzband. Irgendwo zwischen Olafur Arnalds, Boards of Canada und John Zorn.
Onom Agemo & The Disco Jumpers
… ist eins der vielen Projekte des Berliner Saxophonisten Johannes Schleiermacher. Schleiermacher ist eine der zentralen Figuren der neuen Crossover Jazz Szene. Er spielt auch bei Andromeda Mega Express Orchestra, JJ Whitefield und Shake Stew mit. Die Musikern von Onom Agemo haben lange in Marokko und Westafrika gelebt, wo sich die Band mit den dortigen Sounds (Gnawa) beschäftigt und viele Konzerte mit teil namhaften lokalen Musikern gespielt hat. Was der Musik der Gruppe diesen ganz speziellen Atmospäre verleiht.
